Der unsichtbare Humor des Internets

In Kommentaren, Steuerinformationen und anderen Dingen findet sich oft erstaunlich Lustiges, dass so aber leider kaum jemand sieht. Mann muss schon sehr genau hinschauen, um es zu finden.

Humor ist ja so eine Sache: was der eine unfassbar lustig findet, ist für den anderen evtl. nur albern, beleidigend oder schlicht dümmlich und infantil. Aber Humor ist auch etwas ganz Wichtiges, lockert er doch unseren oft trockenen Alltag ein wenig auf und bricht das Eis in unbehaglichen oder unangenehmen Situationen. Hier und heute geht es aber um Humor (in der Regel um Geek-Humor) der zwar allgegenwärtig ist, aber dem einfachen Internet-Nutzer dennoch verborgen bleibt.

Die miauende Ente

Die miauende Ente ist der wahrscheinlich am häufigsten verbreitete Bildwitz, den fast nie jemand zu Gesicht bekommen hat. Der Grund für den Verbreitungsgrad ist, dass Amazon die Ente an seine Webseitenbesucher schickt. Das sind jeden Monat über 2 Milliarden Enten nur durch Amazon.com:

Statistic: Combined desktop and mobile visits to Amazon.com from May 2019 to October 2019 (in millions) | Statista

So viele Enten!

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Vielleicht fragt sich jetzt der ein oder andere Leser: „Wo soll diese ominöse Ente auf der Amazon-Seite sein und wie sieht sie aus?“. Sie ist im HTML Quelltext als Kommentar eingebaut - und damit unsichtbar im Browser - ganz am Ende versteckt:

<!--       _
       .__(.)< (MEOW)
        \___)   
 ~~~~~~~~~~~~~~~~~~-->

Wer es nicht glaubt, darf es gerne selbst versuchen. Einfach im Browser den Quelltext anzeigen lassen, oder die Ente auf die Kommandozeile holen:

curl https://www.amazon.com --compressed --user-agent "Chromium/Mozilla 5.0"

Die Webseite sollte dann im Terminal an einem vorbeifliegen. Da die Ente allerdings am Ende der Seite wartet, sollte man sie sehen, ohne scrollen zu müssen.

Zitate der Geek-Literatur

Geek-Literatur hat mittlerweile viele echte Klassiker. „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams z.B. oder die „Scheibenwelt“-Reihe von Terry Pratchett sind sicherlich ganz oben mit dabei. Jeder wahre Geek muss das ein oder andere Zitat aus diesen Büchern parat haben, um sich als solcher bezeichnen zu dürfen. Und tatsächlich werden Anleihen an Geek-Literatur auch unsichtbar aber konstant an Internet-Nutzer übermittelt. Diemal aber nicht als Kommentar im HTML, sondern als Steuerinformationen des Protokolls, dass HTML überträgt: dem Hypertext Transfer Protocol (HTTP).

Nun gibt es innerhalb von HTTP keine Kommentare, aber man kann eigene HTTP-Header einführen, wobei ein Header eine Textzeile ist, die mit einem Schlüsselwort anfängt, gefolgt von einem Semikolon, gefolgt von einem Wert. Im Beispiel mit der miauenden Ente haben wir im Kommandozeilenbeispiel mit curl den User-Agent Header gesetzt, damit Amazon glaubt die Anfrage kommt von einem echten Browser. Das Problem ist, dass der HTTP-Standard nicht still steht und neue Header hinzukommen können. Diese dürfen aber nicht mit den Eigenen, nicht standardisierten, kollidieren, d.h. den gleichen Namen haben. Um dieses Problem zu umgehen wurden eigenen Headern ein X- vorangestellt. Dieses sollte bei Standard Headern nicht geschehen und damit sind Namenskollisionen ausgeschlossen. RFC 7231 - Teil der HTTP-Spezifikation - sagt allerdings folgendes zu dieser noch immer gängigen Praxis:

Authors of specifications defining new fields are advised to keep the
name as short as practical and not to prefix the name with "X-"
unless the header field will never be used on the Internet.  (The
"X-" prefix idiom has been extensively misused in practice; it was
intended to only be used as a mechanism for avoiding name collisions
inside proprietary software or intranet processing, since the prefix
would ensure that private names never collide with a newly registered
Internet name; see [BCP178] for further information).

Wir nehmen das Vorkommen des X--Präfixes im Internet aber von der humoristischen Seite und finden tatsächlich seine Verwendung für versteckten Humor im Internet. Ausgerechnet der Heise-Verlag mit Computer-Zeitschriften wie c’t oder iX und dem heise online News-Portal rund um IT-Themen nutzt eigene HTTP-Header für die Hommage an die Geek-Literatur. Schauen wir uns mit curl den HTTP-Header hinter heise.de einmal genauer an (wichtig, nicht www.heise.de)

curl -I http://heise.de

Das Ergebnis ist:

HTTP/1.1 301 Moved Permanently
Date: Sun, 15 Mar 2020 13:49:03 GMT
Server: Apache
X-Cobbler: servo65.heise.de
X-Pect: The Spanish Inquisition
X-Clacks-Overhead: GNU Terry Pratchett
X-42: DON'T PANIC
Location: https://www.heise.de/
Connection: close
Content-Type: text/html; charset=iso-8859-1

Vier Header-Zeilen beginnen mit einem X--Präfix. Echte Geeks wissen hier gleich Bescheid, für alle anderen hier die Auflösung:

Genannt wurde ja schon Douglas Adams. X-42: DON'T PANIC ist eine Anspielung auf zwei bekannte Stellen in „Per Anhalter durch die Galaxis“. 42 ist darin die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest und wahrscheinlich das bekannteste Kleinod der Bücherserie. „Don’t panic“ steht auf dem Cover des Buchs „Per Anhalter durch die Galaxis“ so wie es im Buch selbst beschrieben wird. Wer Douglas Adams Lebenswerk feierlich begehen möchte, der feiert am 25. Mai den alljährlichen Towel Day.

X-Clacks-Overhead: GNU Terry Pratchett hat sogar eine eigene Webseite, die nicht nur die Bedeutung beschreibt, sondern auch Anleitungen liefert, wie meine seinen Webserver konfigurieren kann, um den Header in Antworten zu versenden. Es gibt auch eine beeindruckend lange (und dennoch unvollständige) Liste von Webservern, die den Header verschicken. The Clacks sind übrigens ein Netzwerk aus Signaltürmen und GNU ist in diesem Fall ausnahmsweise nicht das rekursive Akronym für GNU’s Not Unix sondern Steuerzeichen (wie ein Internet-Protokoll-Header), die das Versenden der nachfolgenden Nachricht (in diesem Fall der Name Terry Pratchett) steuern. In diesem speziellen Fall sorgen die Steuerzeichen dafür, dass die Nachricht niemals aus dem Netzwerk verschwindet und ewig wiederholt wird.

X-Pect: The Spanish Inquisition ist ein Verweis auf einen alten Monty Python Sketch. Selbst das X-Pect ist hier eine Anspielung in sich. Denn im Sketch sagen die Inquisitoren Nobody expects the Spanish Inquisition.

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Damit bleibt noch X-Cobbler: servo65.heise.de und hier muss ich leider aufgeben und eine klaffende Lücke in meinem Geek-Wissen gestehen.

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Wer noch mehr versteckten Internet-Humor kennt (aber er muss wirklich versteckt sein), oder den X-Cobbler auflösen kann, der melde sich unter: rolf <punkt> winter <at> hs <minus> augsburg <punkt> de.

Rolf Winter
Rolf Winter
Professor für Datenkommunikation

Ich lehre und erforsche Computer Netzwerke, insebsondere das Internet.